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Texte zu Ausstellungen

Christoph Tannert, Katalog »Randgebiet«, 2019

Annet­te Gun­der­mann arbei­tet vor­wie­gend mit Koh­le, Tusche, Acryl­far­ben (gern mit Weiß und Blau), dünn und lasie­rend auf­ge­tra­gen. Zeit wirkt wie still­ge­stellt in ihren Bil­dern. Figu­ren wähnt man im Nichts ver­schluckt. Wäss­ri­ge Geheim­nis­se heben sich aus melan­cho­li­schen Gevier­ten.

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In ihren Bild­mo­ti­ven sieht man Berg­mas­si­ve, schnee­be­deck­te Gip­fel, men­schen­lee­re Häfen, Boo­te, Schiffs­rümp­fe, oft­mals ein­ge­fro­ren, Raum­kon­struk­te. Momen­te von lei­ser Poe­sie brin­gen die­se Ele­gi­en aus der Käl­te zum Klin­gen. Die Selbst- und Welt­erfah­rung des künst­le­ri­schen Ichs ent­wi­ckelt sich mit einer Affi­ni­tät zu schein­bar nor­di­schen Bedin­gun­gen. Ihre Seri­en »Das Wei­ße Para­dies« und »Zie­hen­de Land­schaf­ten« (bei­de 2019) stif­ten ein Ein­ge­den­ken an die exis­ten­ti­el­le Ver­lo­ren­heit des Men­schen, das berührt.[…] Die Bezie­hung zwi­schen Musik und Male­rei ist für sie ganz selbst­ver­ständ­lich, und zahl­rei­che ihrer Bil­der bezie­hen sich auf Kom­po­si­tio­nen, in denen die Refle­xi­on des See­li­schen im Vor­der­grund steht, etwa auf Franz Schu­berts »Win­ter­rei­se« oder Dmi­tri Schosta­ko­witschs Streich­quar­tet­ten. Das Bestür­zen­de und die durch­aus avan­cier­ten Klang­spra­chen fin­den fol­ge­rich­tig in Annet­te Gun­der­manns Bil­dern ihre Ent­spre­chung. Nicht als Aus­ma­lung, son­dern als par­al­le­l­äs­the­ti­sches Pen­dant. […] Im Über­gang posi­tio­niert sich Annet­te Gun­der­mann auch in Bezug auf das Ver­hält­nis von Zeich­nung und Male­rei. Ihr Kata­log­ti­tel »Rand­ge­biet« kann mit Blick auf die Rand­zo­nen inter­pre­tiert wer­den als Gebiet, wo sich das Zeich­ne­ri­sche und das Male­ri­sche zu über­lap­pen begin­nen, wo eine raum­auf­bau­en­de Linie sich der Sinn­lich­keit einer Pin­sel­spur ergibt und ein Schwarz/​Weiss als far­big und emp­fun­den wer­den kann.
 
Dr. Simone Tippach Schneider, Kunsthistorikerin Berlin, Ausstellung
Winterrreise – Kunst und Klang, November 2018, Galerie Forum Amalienpark

Annet­te Gun­der­manns groß­for­ma­ti­ge Bil­der grei­fen das wich­tigs­te Natur­mo­tiv, wel­ches die in der Wan­der­schaft ablau­fen­de Bewe­gung ver­mit­telt auf, das Was­ser.

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Die Land­schaft, in der es sich bewegt ist weit gespannt, reicht von kla­rem Rin­nen und »Bäch­lein« über den »Fluß« bis hin zum »(Berg-)Strom« und sogar zum Meer. Es sym­bo­li­siert den Lebens­weg eines Men­schen. Das Was­ser in der win­ter­li­chen Umge­bung ange­passt und erstarrt, rinnt in hei­ßen Trä­nen um dann wie­der zu Eis­trop­fen zu gefrie­ren. Es gibt kei­ne har­mo­ni­sche Lösung – in die­ser Wei­se reflek­tiert auch Annet­te Gun­der­mann ihre künst­le­ri­schen Arbei­ten wenn sie von einer »unend­li­chen Such­be­we­gung« spricht »die alle Ele­men­te von Trau­rig­keit, Abschied und Sehn­sucht an sich bin­det.«
 
Dr. Fritz Jacobi, Kunsthistoriker Berlin, Ausstellung Übergänge, April 2016,
EWEKUNST PARKHAUS

Eine wuch­ti­ge Syn­the­se unter­schied­li­chen Gestalt­im­pul­se bil­den ihre groß­for­ma­ti­gen Zeich­nun­gen, die gleich­sam als Hom­mage an Dmi­tri Schosta­ko­witsch 2015 ent­stan­den sind. Inspi­riert von dem kurz vor sei­nem Tode kom­po­nier­ten 15.

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Streich­quar­tett, sam­melt sich beson­ders in der Arbeit »Bedro­hung – Über­fahrt« eine über­aus star­ke bild­ne­ri­sche Ener­gie, wel­che dicht gestaf­fel­te Lini­en­bün­del, dun­kel mas­sier­te Fleck­par­tien und auf­zu­cken­de Licht­strei­fen mit einer fast schmerz­lich bedrän­gen­den Inten­si­tät erfüllt. Die wie aus Schat­ten­rei­chen auf­schei­nen­den Schiffs­kör­per in hafen­ar­ti­ger Umge­bung ver­span­nen sich zu einem magisch anmu­ten­den Netz­werk, das wie eine Meta­pher zwi­schen Ankunft und Abschied aus Urgrün­den her­aus erwächst – die unbe­haus­te Stim­mung des Über­gangs durch­dringt die­se bei­na­he sur­rea­le Sze­ne­rie.
 
Dr. Simone Tippach-Schneider,
Rede zur Ausstellungseröffnung »Utopie und Katastrophe – Kunstansichten zu Schostakowitsch«,
Galerie Forum Amalienpark Berlin, 20. November 2015

Schosta­ko­witsch beschäf­tigt Annet­te Gun­der­mann seit ihrer frü­hen Kind­heit. Dass sich dabei eine Affi­ni­tät zur Schwer­mü­tig­keit in der Musik ent­wi­ckel­te, zei­gen ihre groß­for­ma­ti­gen Zeich­nun­gen »Bedro­hung«, die vor allem eine Ver­dich­tung der Hör­erfah­run­gen sind. »In mei­ner Zei­chen­se­rie ver­su­che ich in die Trans­pa­renz des Bild­raums zu tau­chen, ohne kon­kre­te Ant­wor­ten zu suchen oder einen Erklä­rung zu fin­den.«, so die Künst­le­rin.

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Land­schaft exis­tiert nicht als sol­che, son­dern sie ist ein Kon­strukt, das der Betrach­ter im Akt des Aus­wäh­lens und Her­aus­lö­sens aus der Tota­li­tät der Natur schafft. Dar­auf ver­wies bereits Georg Sim­mel in sei­ner »Phi­lo­so­phie der Land­schaft«. Aus die­sen Ele­men­ten baut Annet­te Gun­der­mann neue Räu­me, die als Land­schaf­ten gele­sen wer­den und Bedeu­tun­gen wie Gefahr, Aus­blick oder Sehn­sucht trans­por­tie­ren. Nach Guer­ni­ca ist es, mit Brecht gespro­chen, »unmög­lich, die Schön­heit eines Flug­zeu­ges zu besin­gen«. Gun­der­mann über­setzt in ihren Zeich­nun­gen den sub­jek­tiv- lyri­schen wie monu­men­tal-epi­schen Cha­rak­ter von Schosta­ko­witschs Musik mit gro­ßen expres­si­ven Span­nungs­bö­gen und weit­ge­spann­ten Lini­en, dra­ma­tisch gesetz­ten Über­ma­lun­gen und Farb­tö­nen unend­li­cher Trau­er. Die Far­be Blau ist in die­ser Schwer­mut viel­be­deu­tend, weil sie nicht treibt, noch schlägt, son­dern ohne Zuver­sicht gewalt­los umfängt
 
Dr. Simone Tippach-Schneider, Rede zur Ausstellungseröffnung
»Von Hoch nach Tief«, Galerie Forum Amalienpark Berlin, 28. November 2014

»Spiel und Zufall« fasst Annet­te Gun­der­mann ihre jüngs­ten Holz­schnit­te zusam­men. Es han­delt sich hier­bei durch­weg um farb­lich aus­ge­wo­ge­ne und male­risch beton­te Dru­cke. Sechst bis neun Plat­ten hat die Künst­le­rin dabei über­ein­an­der gedruckt. Die Künst­le­rin lotet kon­se­quent die ele­men­ta­re und kräf­ti­ge Bild­wir­kung der Holz­schnitt­tech­nik aus.

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Male­ri­sche Kom­po­si­tio­nen und flä­chen­haf­te Struk­tu­ren gehen in den über­druck­ten Bögen eine ästhe­ti­sche Sym­bio­se ein. »In jeder Arbeit begeg­nen sich Zufall und stren­ge Ord­nung,« so beschrieb die Male­rin selbst frü­he­re Arbei­ten. Das Spiel mit der Tech­nik stand auch bei den far­bi­gen Holz­schnit­ten im Vor­der­grund. Wie im Rausch hat sie geschnit­ten, geho­belt, geschlif­fen und geglät­tet, ein­ge­färbt, gewalzt, gepresst, gerie­ben, gestri­chen und wie­der geschnit­ten. Das Spiel ist kein leich­tes. »Es ist zu Ende, wenn Stri­che, Lini­en und Farb­fel­der ihren Platz im Bild gefun­den haben«, so Annet­te Gun­der­mann.

Bei aller lich­ten und trans­pa­ren­ten Far­big­keit ist immer auch das wuch­ti­ge Schwarz mit im Spiel – span­nungs­voll und klar, zugleich auch vol­ler Geheim­nis­se. Damit wird Erzäh­le­ri­sches über­flüs­sig. Der Reiz die­ser far­bi­gen Holz­schnit­te besteht in den spie­le­ri­schen Anre­gun­gen, die sich frei aus einem inten­si­ven For­men- und Far­ben­ka­non spei­sen. Annet­te Gun­der­manns Holz­schnit­te sind moder­ne Musik­stü­cke, die zu einem far­bi­gem Licht­spiel wan­deln.

 
Gisela Blank, Ausstellungseröffnung Galerie Ei, Berlin 11. 9.2013
Bärbel Dieckmann /​ Annette Gundermann

Als ich zum ers­ten Mal das Ate­lier von Annet­te Gun­der­mann betrat, war ich ver­blüfft, mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit sich hier figür­li­che und unge­gen­ständ­li­che Kunst mischen, zuein­an­der gegen­ein­an­der ste­hen. Gleich­wer­tig. Offen­bar braucht sie unge­ach­tet der Kraft ihrer unge­gen­ständ­li­chen Kom­po­si­tio­nen immer auch die Berüh­rung mit dem Gegen­stand, der kon­kre­ten Welt.

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Die Bil­der der Annet­te Gun­der­mann anzu­schau­en gleicht dem intel­lek­tu­el­len und sinn­li­chen Aben­teu­er, das man auf einer guten Büh­ne erle­ben kann: Kulis­se bil­det Wirk­lich­keit nach, Spiel fängt gül­ti­ges Leben ein, Spra­che gibt erleb­ter Erfah­rung Aus­druck. Alles ist mög­lich, die Wirk­lich­keit ist das Wun­der, das Wun­der ist die Wirk­lich­keit. Das Leben braucht kei­ne Insze­nie­rung. Die Kunst schon.

In der Kunst die­ser Ber­li­ner Male­rin bedeu­tet dies: mensch­li­che und künst­le­ri­sche Erfah­run­gen mün­den ein in ein Erleb­nis des Sehens, das dem Auge wohl tut und die Sin­ne beflü­gelt. Male­rei und Col­la­ge gehen inein­an­der über bei den hier aus­ge­stell­ten Bil­dern. »In jeder Arbeit begeg­nen sich Zufall und stren­ge Ord­nung.« So beschreibt die Male­rin selbst ihre Arbei­ten. »Es ist ein Spiel. Die­ses Spiel ist zu Ende, wenn Stri­che, Lini­en und Farb­fel­der ihren Platz im Bild gefun­den haben.«

Annet­te Gun­der­mann bleibt mit ihrer lich­ten trans­pa­ren­ten Far­big­keit – auch wenn das wuch­ti­ge Schwarz oft im Spiel ist – span­nungs­voll und klar, zugleich auch vol­ler Geheim­nis­se. Sie gleicht einer Zau­be­rin, durch deren Magie Licht, Bewe­gung, Zeit, Raum in einem fest­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Und genau damit wird Erzäh­le­ri­sches über­flüs­sig. Dar­in besteht vor allem der Reiz die­ser Bil­der. Eine emp­fan­ge­ne Anre­gung – ob aus der Natur, der Lite­ra­tur, der Musik – wird von ihr zu einem rei­nen For­men- und Far­ben­klang gefügt. Ja, ihre Bil­der sind Musik, die zur Far­be gewor­den ist.

Unge­ach­tet der abs­trak­ten Kom­po­si­ti­on der hier gezeig­ten Wer­ke pro­vo­ziert die Male­rin Vor­aus­set­zun­gen für einen Dia­log, dem sich der Betrach­ter schwer­lich ent­zie­hen kann. Sie gibt ihren Bil­dern näm­lich sehr kon­kre­te Titel. Wer die­sen nach­geht, nach­fragt, auf sie zugeht, kann Ein­ver­nehm­lich­keit, Zwei­fel, Ver­blüf­fung oder auch Wider­spruch erle­ben. Denn Rei­bung bleibt nicht aus. Linie, Flä­che, Far­be schaf­fen einen Raum, in dem Bild­phan­ta­sien, Gedan­ken­bil­der, Bild­ge­dan­ken ihren Ursprung neh­men. Die Titel sind nur eine Art Sprung­brett mit­ten hin­ein. Annet­te Gun­der­mann geht es nicht um die Abbil­dung der Wirk­lich­keit, son­dern um die Wirk­lich­keit des Bil­des.

Dass die Far­be Blau wie­der und wie­der in ihren Arbei­ten domi­niert, ist augen­fäl­lig. Die­se eine Far­be über­wäl­tigt alles. »Kann es zuviel Blau geben in der Welt – auf Bil­dern, in Beschrei­bun­gen, in der Natur?« Die­se Fra­ge stell­te die Kunst­wis­sen­schaft­le­rin Gabrie­le Musch­ter ein­gangs in ihrer Eröff­nungs­re­de zu einer Aus­stel­lung von Annet­te Gun­der­mann.

Die Far­be Blau gilt schon immer als himm­li­sche Far­be, als Sehn­suchts­far­be. Als Rai­ner Maria Ril­ke 1907 den Pari­ser Herbst­sa­lon besuch­te, stell­te er sich vor, wie jemand die Geschich­te der blau­en Far­be in der Male­rei schrei­ben wür­de. Annet­te Gun­der­mann müss­te mit Sicher­heit dar­in ein Kapi­tel gewid­met sein.

 
Gabriele Muschter, Rede zur Ausstellungseröffnung
»Von Blau zu Gelb«, Galerie Forum Amalienpark Berlin, März 2007

Kann es zuviel blau geben in der Welt – auf Bil­dern, in Beschrei­bun­gen, in der Natur?
Blau asso­zi­iert vie­les: Meer, Him­mel, Tau auf den Dünen, Trau­ben im Regen, Flü­gel der Vögel, das Leuch­ten der Ster­ne. Auch der Mond scheint blau, wenn er manch­mal meh­re­re Höfe um sich hat. Die Bil­der von Annet­te Gun­der­mann sind vol­ler Poe­sie. Es ist die­se Art von Wer­ken, die leben­dig und schat­ten­los klar sind. Die Farb­klän­ge haben ästhe­ti­schen Reiz, sie sind schön im Sin­ne ihrer Idee, ihres Natur – Raum – Ver­hält­nis­ses. Sie sind nicht gefäl­lig. Es strahlt aus ihnen eine her­be Kraft, die sich kon­se­quent aus der Flä­che in den Raum zu bewe­gen scheint.

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Annet­te Gun­der­mann (Jg. 57) gehört zu den inter­es­san­tes­ten Künst­le­rin­nen der mitt­le­ren Genera­ti­on. Ihre Ernst­haf­tig­keit und Beschei­den­heit geht sou­ve­rän an den Lau­nen des Kunst­mark­tes vor­bei – aber auf den kommt es schließ­lich auch nicht an, jeden­falls nicht jen­seits der modi­schen Trends und dem Chor­ge­ju­bel eini­ger Geschäf­te­ma­cher, auf die der bra­v­un­si­che­re, ober­fläch­lich-ehr­gei­zi­ge Kon­su­ment immer wie­der rein­fällt.

Nach Abitur und Beschäf­ti­gung mit Tex­til­de­sign hat sie an der Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te in Dres­den stu­diert – bei den Pro­fes­so­ren Horl­beck und Klotz. Seit 1989 arbei­tet sie frei­schaf­fend in Ber­lin. Annet­te Gun­der­mann arbei­tet mit ver­schie­den struk­tu­rier­ten Papie­ren, über­klebt, über­malt – so lan­ge bis das Ergeb­nis stimmt. Haupt­säch­lich ver­wen­det sie Nass­tech­nik und Reis­schleim. Aber das Reper­toire ist weit ange­legt: Pig­men­te, Acryl, Öl, Krei­de, Tusche, Kno­chen­leim und ande­re Mate­ria­li­en. Aus der Art des Umgangs mit Mate­ri­al, mit Fund­stü­cken ent­ste­hen aber kei­ne Col­la­gen im übli­chen Sinn – alles geht inein­an­der über. Das Flie­ßen ist ein Zei­chen für die Leben­dig­keit sol­cher Kunst.

Die Erklä­rung der Welt fin­det hier nicht statt, viel­mehr wer­den Mög­lich­kei­ten auf­ge­zeigt. Dabei geht es bewusst nicht um Befrem­dung, um den Schock oder das ange­sag­te Cool-Sein inner­halb der Gesell­schaft. Gezeigt wird der Struk­tur­zu­sam­men­hang, das Schwin­gen, die Visi­on, das Geheim­nis, das so nur die Künst­le­rin selbst kennt.

Aus man­chen der Gemäl­de las­sen sich wel­len­ar­ti­ge Bewe­gun­gen able­sen, die dann wie­der in inten­si­vem Rück­fluss zer­bers­ten, um mit neu­er Inten­si­tät an die Ufer zu schla­gen. Das siche­re Ufer – was ist das, wo ist das, wel­che Far­be hat es? Wo ein Ufer ist, da ist auch Was­ser – eine ewig wäh­ren­de Fas­zi­na­ti­on, nicht nur für Kunst und Künst­ler. Im Werk von Annet­te Gun­der­mann spielt das eine beson­de­re Rol­le und so wun­dert es nicht, dass sie eines ihrer Bil­der Traum­was­ser nennt und der Dich­te­rin Hil­de Domin ge wid­met hat. Die­se schrieb ein kur­zes Gedicht. Dar­in heißt es:

Traum­was­ser voll ertrun­ke­ner Tage. Traum­was­ser steigt in den Stra­ßen. Traum­was­ser schwemmt mich hin­weg.

Die weni­gen Zei­len kann man auch als Cha­rak­te­ris­tik der Ambi­va­lenz des Wer­kes von Annet­te Gun­der­mann ver­ste­hen: Kunst ohne Wie­der­ho­lung unwich­ti­ger Neu­ig-kei­ten. Der Künst­le­rin geht es um den Zusam­men­hang von inne­ren und äuße­ren Bege­ben­hei­ten. Hier kann sie die Zwi­schen­räu­me aus­lo­ten. Alles ist offen, durch nichts ein­ge­engt. Die Bil­der ent­ste­hen durch inne­ren Antrieb und aus der Not­wen­dig­keit zu fra­gen: Titel sind der Künst­le­rin wich­tig, Sie lau­ten bei­spiels­wei­se: Indi­scher Fal­ter, Das Gespräch, Nächt­li­che Ori­en­tie­rung. Die Blau­tö­ne auf den Gemäl­den schei­nen unend­lich vari­ier­bar, kräf­tig und zart, in sich geschlos­sen und trans­pa­rent. So wohl nur bei Matis­se oder Yves Klein zu fin­den. Es ist das Leuch­ten. Es ist immer das Leuch­ten, wel­ches das Eigen­le­ben der Bil­der signa­li­siert und die­ses Leuch­ten kann man nicht simu­lie­ren. Es kommt von ganz innen und ent­wi­ckelt sich zum Dia­log der Far­ben und For­men jen­seits der Spra­che. Die Bil­der blei­ben nicht stumm, sie haben etwas zu sagen. Man kann mit Ihnen kom­mu­ni­zie­ren.

Bis­her war nur von den blau­en, abs­tra­hier­ten Wer­ken die Rede. Natür­lich gibt es ande­re, zum Bei­spiel die, auf denen die Far­be Gelb vor­herr­schend ist. Für gelb fal­len mir Meta­phern ein wie: Son­ne, Wär­me, Vul­kan, Sand­sturm in der Wüs­te, das Mär­chen am Ende hin­ter der Stra­ße. Es ist ein Reich­tum, der aus all die­sen Arbei­ten spricht, ein Reich­tum wie eine Quel­le, aus der immer wie­der Neu­es , Ande­res ent­springt – sowohl auf die Far­ben der Bil­der bezo­gen als auf die Art der Gestal­tung zwi­schen abs­trakt und figür­lich. Ich höre immer: Die jun­gen Leu­te mögen die­se Art Kunst-Kunst nicht, nicht die Har­mo­nie und nicht die Art der Ästhe­tik. Sie schaf­fen bewusst Wer­ke einer Art Anti-Ästh­tetik. Das ist ihr gutes Recht und neu sowie­so nicht. Jede Genera­ti­on muß ver­su­chen eige­ne Wege zu fin­den, sich gegen­über den Älte­ren zu behaup­ten, sich eine eige­ne Sicht auf die Welt zu erar­bei­ten. Das schließt nicht aus, sich Ach­tung gegen­über den Wer­ken der frü­her Gebo­re­nen zu bewah­ren.

Wie sagt doch der jüngst ver­stor­be­ne fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean Baudril­lard? Woll­te man den gegen­wär­ti­gen Stand der Din­ge benen­nen, so wür­de ich sagen, wir befin­den uns nach der Orgie. Die Orgie ist der explo­si­ve Augen­blick der Moder­ne… Wir sind alle Wege der Pro­duk­ti­on und vir­tu­el­len Über­pro­duk­ti­on der Objek­te, der Zei­chen, Bot­schaf­ten, Ideo­lo­gien und Ver­gnü­gun­gen gegan­gen. Das Spiel ist gespielt, und wir ste­hen gemein­sam vor der ent­schei­den­den Fra­ge: Was tun nach der Orgie? Und er sagt wei­ter: Wir leben in einer gren­zen­lo­sen Ver­viel­fäl­ti­gung von Idea­len, Phan­tas­men, Bil­dern und Träu­men, die von nun an hin­ter uns lie­gen und die wir den­noch in einer gewis­sen schick­sal­haf­ten Gleich­gül­tig­keit wei­ter­pro­du­zie­ren müs­sen.

Annet­te Gun­der­manns Werk hat nichts mit Orgie und nichts mit Gleich­gül­tig­keit zu tun, eher mit Fest, Fei­er­lich­keit, die aus uner­gründ­li­chen Tie­fen kom­men. Sie tritt den Gegen­be­weis an, näm­lich den, sich an das Leben zu ver­lie­ren, Träu­me nicht auf­zu­ge­ben, das Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen gut und böse, schön und häss­lich ste­tig zu ver ändern.

 
Christopph Tannert, Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
»Die fünf Sinne«, Galerie Forum Amalienpark, 2005

[…] Annet­te Gun­der­mann nimmt direkt Bezug auf die Kunst­ge­schich­te und auf Jan Saen­re­dam (1565 – 1607), der mit sei­ner fünf­tei­li­gen Kup­fer­stich­fol­ge nach Hen­drik Golt­zi­us (1558 – 1617) fol­gen­den klas­si­schen Spruch­weis­hei­ten illus­tra­to­ri­schen Bestand gege­ben hat: (Und wäh­rend ich Ihnen die­se zu Gehör brin­ge, wol­len Sie sich bit­te mit den Augen auf die lind­grün unter­leg­ten monu­men­ta­len Paar-Dar­stel­lun­gen kon­zen­trie­ren, die unter beson­de­rer kom­po­si­to­ri­scher Beto­nung weib­li­cher Stär­ke und Ent­schie­den­heit ange­legt wur­den und den dazu­ge­hö­ri­gen männ­li­chen Figu­ren, seit­lich und hint­an gesetzt, eine lebens­aus­fül­len­de Stel­lung in größ­tem Glü­cke als Flö­tist, Streich­ler, Spie­gel­hal­ter und Rosen­ka­va­lier zu garan­tie­ren schei­nen).

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Unzwei­fel­haft sind es die Bil­der der Gun­der­mann, die der Aus­stel­lung ein For­mat geben, das her­nach durch wei­te­re Tat­mo­ti­ve, ins­be­son­de­re bei Anke Feuch­ten­be ger, aber auch bei Kit­ty Kaha­ne mit­ge­stal­tet wird. Es ist das For­mat des Weib­li­chen, das sich mit gro­ßer, expres­si­ver Ges­te und klei­nen Infa­mi­en, in Träu­men und Trau­ma­ta, emo­tio­na­len Schwei­ne­rei­en, klas­si­schem Geschlech­ter­zwist, kurz: in einer schick­sal­haf­ten, male­risch und gra­fisch ins Bild gesetz­ten Tisch­ge­sell­schaft, die gese­hen, gehört, gero­chen, geschmeckt und ertas­tet wer­den, […]
 
Claudia Rodegast, Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
»Von Gelb zu Blau«, Galerie Herschel, 2004

Musik ist eine stän­di­ge Inspi­ra­ti­ons­quel­le Annet­te Gun­der­manns. Mit die­ser hat ihre Male­rei mehr als Meta­pho­ri­sches gemein. Ver­gleich­bar musi­ka­li­schen Kom­po­si­ti­ons­ver­fah­ren, wid­met sich Annet­te Gun­der­mann ganz der imma­nen­ten Kon­struk­ti­on des künst­le­ri­schen Mate­ri­als, der Orga­ni­sa­ti­on von Form- und Farb­ver­läu­fen, Zuord­nun­gen, Abmes­sun­gen und Ent­wick­lun­gen.

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Ihre Arbei­ten bil­den die äuße­re Welt nicht ab, sie wer­den gespeist durch die male­ri­sche Auf­lö­sung der dif­fe­ren­zier­ten Viel­falt des Gese­he­nen. In der Reduk­ti­on auf ein­fa­che For­men, fin­det die Visi­on vom Wesent­li­chen der Din­ge ihren künst­le­ri­schen Aus­druck. So ent­ste­hen, durch die Kon­zen­tra­ti­on auf die auto­no­me Aus­drucks­kraft bild­ne­ri­scher Mit­tel, Bil­der der Inner­lich­keit, Klän­ge erd­haf­ter Melan­cho­lie sowie Reso­nanz­räu­me in denen Tran­szen­den­tes, ein fer­nes Gegen­über der inne­ren Bewe­gung, in sinn­lich leuch­ten­den Chif­fren wider­klingt […]
 
Dr. Petra Lange, Auszug aus aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
»Über Papier«, Galerie am Weißen See Berlin, August 1995

Seit zwei Jah­ren arbei­tet Annet­te Gun­der­mann in einer Wei­se, die Male­rei durch Farb­be­hand­lung im klas­si­schen sowie im wört­li­chen Sinn aus­schließt. Dem Fluss des Malens ist die Stren­ge col­la­ge­ar­ti­ger Prä­zi­si­on gefolgt. Das fas­zi­nie­ren­de Moment ist die Ein­dring­lich­keit der kom­po­nier­ten Far­ben, wel­che sich als vir­tu­el­le Atmo­sphä­re mit­tei­len. Augen­fäl­lig ist die abs­trak­te Form.

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Sie vari­iert das Bild­ge­sche­hen. Sug­ges­ti­ve Gebil­de ent­ste­hen, die Form­kon­kret­heit und sub­jek­ti­ve Phan­ta­sie gleich­sam inte­grie­ren. Meist vom Bild­zen­trum aus scheint sich ein ima­gi­nä­rer Raum zu öff­nen. Hin­ter- und Vor­der­grund heben ein­an­der auf, durch­drin­gen sich und das Kolo­rit leuch­tet im Wider­part von Hell und Dun­kel. Sich auf die Wir­kungs­mög­lich­kei­ten einer Far­be zu kon­zen­trie­ren, macht deut­lich, wie uner­schöpf­lich deren Modu­la­ti­on mit­tels geo­me­tri­scher For­men ist. Der schwer­las­ti­ge Duk­tus der Far­big­keit ist gewan­delt zu einer Trans­pa­renz, die aus dem For­mat her­aus zu schwe­ben scheint.…
 

Katalogtexte

Anke Zeisler, Katalogtext zu »Gestörte Ordnung« Februar/​März 2012

»Gestör­te Ord­nung«

[…] Annet­te Gun­der­mann fin­det eine Bild­spra­che, ver­gleich­bar mit einem Gedicht, das Inne­hal­ten, Ver­wei­len, Ver­sen­ken bean­sprucht. Ver­zicht auf das schnel­le (Schein-)-Erfassen und auf (Wieder-)-Erkennbarkeit von Figu­ren.

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Aber sie gibt ihren Bil­dern kon­kre­te Titel. Das, sagt sie, sei ihr wich­tig. Das Métier der Male­rin ist die Far­be, dabei ist die Spra­che der Wor­te ihre Beglei­te­rin, die sie bestärkt und inspi­riert und zu der sie dann bei der Suche nach einem Bild­ti­tel selbst hin­fin­det. Er kann poe­tisch wie »Schat­ten­land«, erzäh­lend wie »Vor Tag« oder ganz pro­sa­isch wie »Blau auf Schwarz« sein. So wohnt ihren kon­tem­pla­ti­ven, oft tek­to­nisch anmu­ten­den Bil­dern, wo Far­ben, Trans­pa­ren­zen, Schich­ten, Nuan­cen und Gegen­sät­ze spie­len, schwe­ben, sich über­la­gern oder anein­an­der sto­ßen, immer auch das Nüch­tern-Stren­ge, auch Sach­li­che inne. […]
 
Christoph Tannert, Katalogtext zu »Von Blau zu Gelb«, Berlin, August 2006

»Ursprüng­li­che Viel­heit­lich­keit«

Flü­gel in Blau, Ver­weh­te Stadt, Ver­las­se­ne Braut, Das Laby­rinth, Rot zum Qua­drat, Bedroh­li­che Stil­le, Los­ge­löst, Das Ver­steck – kein Zwei­fel, schon die Bild­ti­tel der Wer­ke von Annet­te Gun­der­mann sind wie Kon­takt­stel­len einer Lust- und Ver­lust­be­herr­schungs­ob­ses­si­on, die in Far­be badet.

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Nach ver­kno­te­ten Hand­lungs­strän­gen eines Dra­mas, das sich radi­kal-rea­lis­tisch oder zeit­geis­tig neu­ro­tisch vor­wärts, rück­wärts und seit­wärts über die Keil­rah­men bewegt, sucht man hier ver­ge­bens. Statt rigi­der Abgren­zung zur Abs­trak­ti­on herrscht bei Annet­te Gun­der­mann das Seh­ver­gnü­gen, das nur die Wirk­lich­keit der Male­rei kennt und sich nicht schert um Trend­ver­si­che­run­gen. Die Künst­le­rin ent­wi­ckelt ihre Bil­der im Zwi­schen­durch, im Spiel mit den Poten­tia­len male­ri­scher Seman­tik, in dem sich Set­zun­gen und Kor­rek­tu­ren per­ma­nent über­la­gern, mal gegen­ständ­lich, mal abs­trakt, nie abbild­ge­treu, aber immer wahr­haf­tig.

Als sie die Dresd­ner Aka­de­mie ver­ließ, male­risch herz­haft ermu­tigt von ihrem Leh­rer Sieg­fried Klotz, dem gro­ßen figür­li­chen Schwel­ger, stan­den ihre »Frau­en in Land­schaf­ten« als Hüte­rin­nen eines Sys­tems ein­deu­tig fixier­ter Anschau­un­gen, des­sen Inter­pre­ta­ti­on allein der Kul­tur oblag, in der sie zuerst for­mu­liert wur­den, der euro­päi­schen mit säch­sisch-expres­si­ver Wur­zel. Doch die Per­spek­ti­ven änder­ten sich in dem Maße, in dem die Künst­le­rin eine neue Anord­nung ihrer sehr rea­len Erfah­run­gen ent­wi­ckel­te, ein Tra­vel­ling durch inne­re Land­schaf­ten, ein sich unaus­ge­setzt selbst Erneu­ern, bei dem es bis heu­te geblie­ben ist in einer sich stän­dig um neue Glie­der erwei­tern­den Ket­te aus Repe­ti­tio­nen und Feed­backs.

Das Aus­sche­ren in eine rhyth­misch geo­me­tri­sche Such- und Ord­nungs­be­we­gung beginnt etwa im Jahr 1993 mit col­la­ge­ar­ti­gen Papier­kle­bun­gen in Nass­tech­nik mit Reis­schleim. Annet­te Gun­der­mann ver­wen­det Papie­re ver­schie­de­ner Sor­ten und Stär­ken, Geschenk­pa­pie­re, Zet­tel, Buch­sei­ten, alte Brie­fe, Koh­le­pa­pier, Mil­li­me­me­ter­pa­pier, Ormig­pa­pier. Ab 1994 beginnt die Künst­le­rin ihre Bil­der auch mit Acryl zu über­ar­bei­ten. Mehr und mehr ent­wi­ckeln sich die Din­ge dann in Rich­tung einer frei­en Abs­trak­ti­on bis es ab 2002 zu einer Rück­kehr zur Arbeit mit Far­be auf Lein­wand und 2003/​2004 erneut zu einer Rück­be­sin­nung auf figür­li­che Prin­zi­pi­en kommt. Bei die­ser Dua­li­tät der for­ma­len Prin­zi­pi­en ist es bis heu­te geblie­ben. Nach tra­di­tio­nel­lem Ver­ständ­nis bie­tet das Bild dem Betrach­ter einen Aus­schnitt der Welt. Die Ver­fasst­heit der Bil­der von Annet­te Gun­der­mann ent­spricht die­ser Erwar­tungs­hal­tung im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes: das Geris­se­ne und Geschnit­te­ne ist und kre­iert Welt, Bild-Welt, Farb­kos­men, Sehereig­nis­se, Tast­emp­fin­dun­gen. Die unge­gen­ständ­li­che, unvor­bild­lich kon­kret sein­s­ent­hül­len­de Papier­ope­ra­ti­on ist die not­wen­di­ge Wei­ter­füh­rung des rei­nen, selbst­re­fe­ren­ti­el­len Bil­des. Sie öff­net dem frei­en Sehen des Betrach­ters vor dem Werk die Dimen­si­on des räum­lich moti­vier­ten Suchens und somit dem artis­ti­schen Her­stel­lungs­er­folg aus Papie­ren eine immer grö­ße­re, immer weni­ger durch die Künst­le­rin vor­be­stimm­te Eigen­stän­dig­keit. Das trifft natür­lich auch auf die klein­for­ma­ti­gen, farb­glü­hen­den Male­rei­en auf Papier (nach 2003) zu, die in ihrem Hang zu Blau aus der Insel des Seins auf­stei­gen und unge ahn­te Hoff­nungs­di­men­sio­nen erschlie­ßen.

Alt­mo­di­scher­wei­se geht es bei Annet­te Gun­der­mann noch um den Bild­raum, der eine durch Zei­chen­ge­bung pas­sier­bar zu machen­de Zone ist, nicht um den Raum irgend­ei­ner Insti­tu­ti­on, nicht um Räu­me jen­seits ihrer phy­si­schen Gestalt, nicht um Kunst als »Sozi­al­raum«, nicht um media­le Zu- sam­men­hän­ge, son­dern schlicht und ergrei­fend um einen zum Spre­chen zu brin­gen­den Erwar­tungs­raum. Das Zuein­an­der­kom­po­nie­ren der Papier­fet­zen, die als aus der Zeit gefisch­te Frag­men­te bis­her iso­lier­ter Gegen­warts­punk­te in Erschei­nung tre­ten, ist Aus­druck des wachen wie wohl­tem­pe­rier­ten Hedo­nis­mus der Künst­le­rin, der nach Sinn und Sinn­lich­keit sucht.

Als Coun­ter­po­si­ti­on zu Vilém Flussers »gefro­re­nen Ges­ten« (1),einer grund­le­gen­den Defi­ni­ti­on für Male­rei schlecht­hin, bewegt sich Annet­te Gun­der­mann in offe­nem Ter­rain, von dem aus die Erobe­rung des Bild­rau­mes in alle Rich­tun­gen hin mög­lich ist und bleibt. Dazu zäh­len nicht nur Farb­ab­en­teu­er und Flä­chen­ver­kle­bun­gen, son­dern auch ihre bild­ne­risch for­schen­den Papier­schich­tun­gen, die den (Bild-)Raum glie­dern und poe­ti­sie­ren, so wie sie die Zeit als Traum­zeit ver­sie­geln. Annet­te Gun­der­manns Bil­der klin­gen und schwin­gen. Sie tönen, weil sie Herz­stel­len sind und Echo einer Syn­chro­ni­sa­ti­on von bild­li­chen Wahr­neh­mun­gen in Hör­wei­te.

(1) Vgl. Vilém Flus­ser, Ges­ten, Frankfurt/​M. 1994

 
Christoph Tannert, aus dem Katalogtext »Bekannt-Unbekannt, Pankower Portraits«, Dezember 2007

»Bekannt-Unbe­kannt«

Drei Künst­le­rin­nen por­trä­tie­ren ihren Stadt­teil – die Male­rin­nen Ellen Fuhr und Annet­te Gun­der­mann sowie die Foto­gra­fin Rena­te Zeun, Bil­der und Foto­gra­fien von ca. 50 Ein­woh­ne­rIn­nen des Ber­li­ner Dop­pel­be­zirks Pan­kow /​ Prenz­lau­er Berg. Zwei Jah­re lang waren die Künst­le­rin­nen unter­wegs zwi­schen Sene­fel­der Platz und Brei­te Stra­ße und immer noch ste­hen so vie­le Namen von Per­so­nen auf ihrer Lis­te, die besucht und por­trä­tiert wer­den wol­len, dass die jet­zi­ge Aus­stel­lung ledig­lich den Zwi­schen­stand eines offe­nen, im Jahr 2006 begon­ne­nen Pro­jekts mar­kiert.

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Unter den Por­trä­tier­ten fin­den­sich z.B. ein Lehr­ling, Stu­den­tin­nen, ein Foto­la­bo­rant, eine Arbeits­lo­se, eine Rent­ne­rin, ein Büh­nen­ar­bei­ter, eine Buch­händ­le­rin, ein Rah­men­bau­er, eine Mathe­ma­ti­ke­rin, eine Apo­the­ke­rin, eine Pas­to­rin, eine Gei­gen­baue­rin, Schau­spie­le­rIn­nen, Künst­ler-Innen, Schrift­stel­le­rIn­nen, Juris­ten, Medi­zi­ner sowie ein Vize­prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges, eine Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin a.D. und ein Bun­des­um­welt­mi­nis­ter a.D… […] Als die Künst­le­rin­nen mit ihrer Por­t­rät­se­rie began­nen, hat­ten sie all das ver­in­ner­licht, aber ihr ästhe­ti­sches Inter­es­se im jewei­li­gen Medi­um galt zual­ler­erst dem The­ma »Kopf«. Annet­te Gun­der­mann leg­te zusätz­lich Wert auf ein Gleich­ge­wicht zwi­schen Figur und Raum. Bei Rena­te Zeun ste­hen Kopf-Stu­di­en gleich­be­rech­tigt neben spe­zi­fi­schen Beto­nun­gen von Figur oder Hän­den. Ellen Fuhr fasst den Moment des Zusam­men­tref­fens mit ihrem jewei­li­gen Gegen­über in kraft­vol­len, von innen beweg­ten Ges­ten. Im Ver­gleich der künst­le­ri­schen Medi­en zeigt sich deut­lich, wie das, was Bild wird, auch immer Spiel­ma­te­ri­al der Künst­le­rin­nen ist. Was wir sehen, ver­voll­stän­digt sich in der Phan­ta­sie und gege­be­nen­falls mit dem Vor­wis­sen der Betrach­ter. Die Aus­stel­lung ist inso­fern ein Modell­bau­kas­ten. Und was sich »wirk­lich« zwi­schen den Künst­le­rin­nen und den Por­trä­tier­ten abge­spielt hat, lässt sich sowie­so nicht auf Papier oder Lein­wand brin­gen. Ellen Fuhrs Zeich­nun­gen, mit schnel­len Koh­le-Stri­chen begon­nen und häu­fig im Ate­lier mit Tusche und Acryl wei­ter­ent­wi­ckelt, ver­su­chen, das Augen­blick­li­che zu grei­fen und zu hal­ten. Annet­te Gun­der­mann fin­det mit Mit­teln der Male­rei eher ein ver­län­ger­tes Zeit­maß für eine Respekt mit Wär­me ver­ei­nen­de Bild­spra­che. Die Foto­gra­fien von Rena­te Zeun sind dage­gen wie die zar­ten Intros von Bal­la­den. Eini­ge haben den Cha­rak­ter von Auf­takt­stü­cken, die in Ruhe­stel­lung schwin­gen und sich erst in der Serie voll­enden. So steht jede künst­le­ri­sche Auf­fas­sung für sich, doch sie bedür­fen ein­an­der, um dem The­ma der Aus­stel­lung in all sei­nen Facet­ten zu genü­gen. Zu sehen sind schluss­end­lich nur jene Por­träts, die auch den bild­künst­le­ri­schen Qua­li­täts­stan­dards der Por­trä­tis­tin­nen genü­gen, unab­hän­gig von Erfolg, Bekannt­heits­grad, Bou­le­vard­auf­tritt und poli­ti­scher Büh­ne der Por­trä­tier­ten. Auf einer sub­jek­ti­ven Aus­wahl von Namen basie­rend, began­nen die Por­trät-Ses­si­ons als offe­ne Begeg­nun­gen ohne Zwang zum Ergeb­nis. Wei­te­re Namens­vor­schlä­ge, die wäh­rend des meist mehr­stün­di­gen Por­trä­tie­rens im Gespräch anklan­gen, wur­den auf­ge­nom­men und erwei­ter­ten den Kreis des Bild­per­so­nals. Die drei Künst­le­rin­nen, die selbst im Kiez woh­nen, besuch­ten ihre Kli­en­ten meist zusam­men, ent­we­der in deren Woh­nun­gen oder emp­fin­gen sie bei sich zu Hau­se, eini­ge Por­träts wur­den auch in der Gale­rie Forum Ama­li­en­park ange­fer­tigt. Ent­stan­den ist somit ein Bil­der­fä­cher aus glei­cher­ma­ßen male­ri­schen, zeich­ne­ri­schen und foto­gra­fi­schen Ori­en­tie­run­gen auf Gesich­ter en face, Bild­nis­se, Köp­fe, z.T. als Moment­auf­nah­men zu inter­pre­tie­ren, z.T. als Por­trä­ter­wei­te­run­gen. Die­se brin­gen neben der kör­per­li­chen Ähn­lich­keit im bes­ten Fall auch Tei­le der Per­sön­lich­keit der por­trä­tier­ten Per­son zum Aus­druck…
 
Asrid Volpert, aus dem Katalogtext »Schnittpunkt Dresden – sechs Künstlerinnen aus Deutschland«,
Art Gallery Mills College Oakland/​USA, November 1997

Die Ber­li­ne­rin Annet­te Gun­der­mann erar­bei­te­te ihr Diplom in Holz­schnit­ten und Gemäl­den zum The­ma »Zau­ber­gar­ten« noch figür­lich. Heu­te sucht sie im Bild ein kom­ple­xe­res künst­le­ri­sches Gefü­ge als Ana­lo­gie zur Wirk­lich­keit.

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Das kann gemalt, geklebt, gezeich­net, geätzt oder geschrie­ben sein. Seit 1994 formt sie groß­for­ma­ti­ge abs­trak­te Papier­col­la­gen »Varia­tio­nen zum The­ma Blau«. Dar­in wer­den ver­schie­de­ne mit Tusche in Far­be geklei­de­te Papie­re mit Hil­fe von gekoch­tem Reis schleim neben‑, gegen- und manch­mal auch über­ein­an­der geklebt. Sel­ten steckt im abs­trakt gehal­te­nen Titel ein kon­kre­ter Hin­weis auf den spe­zi­el­len Anlass oder das Sujet. Sich über die Flä­che aus­brei­ten­de geo­me­tri­sche Farb­strö­me flie­ßen ruhig oder schaf­fen durch Über­la­ge­run­gen klei­ne reli­ef­ar­ti­ge Inseln. An man­chen Stel­len schim­mern älte­re Unter­grün­de durch, so dass die pro­zeß­haf­te Ent­wick­lung des The­mas für den Betrach­ter trans­pa­rent wird. Er ent­deckt Selbst­bil­der inne­rer Wirk­lich­kei­ten der Künst­le­rin, in stren­ge oder auch gelös­te­re For­men gebann­te Gefühls­zu­stän­de. Immer wie­der behaup­tet sich dabei kräf­tig strah­len­des Blau zwi­schen Grün und etwas Rot oder Schwarz…

Pressetexte

Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitug): Übergang in eine Traumzeitzone,
Annette Gundermanns Bilder »Von Gelb zu Blau« im Pankower Forum Amalienpark, Berlin, März 2007

In flie­ßen­den Über­gän­gen geht es in Annet­te Gun­der­manns Male­rei um das Eigen­le­ben der Far­ben, um freie Abs­trak­ti­on und eben­so um den Umgang mit zei­chen­haf­ten, gegen­ständ­li­chen und figür­li­chen Prin­zi­pi­en. Jetzt zieht die 50-jäh­ri­ge Pan­kowe­rin, die in den Acht­zi­gern erst an der Kunst­hoch­schu­le Wei­ßen­see und dann an der Dresd­ner Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te und dort bei dem Maler Sieg­fried Klotz stu­diert hat, Bilanz in einer gro­ßen Aus­stel­lung.

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Galt ihre Vor­lie­be frü­her gro­ßen, abs­trak­ten Col­la­gen, so vari­ie­ren die For­ma­te der neue­ren frei­en poe­ti­schen Arbei­ten auf Papier oder Lein­wand inzwi­schen von groß bis klein. Bild­zy­klen, so zum The­ma »Fünf Sin­ne« zei­gen, wie vir­tu­os Gun­der­mann auch figür­lich malt. Aber was sie durch Anschau­ung gewinnt, wird von ihr über­setzt in Poe­sie, nicht ins Abbild­haf­te. Vor eini­gen Jah­ren wirk­ten die Moti­ve Annet­te Gun­der­manns durch die dunk­len Blau- und Rot­tö­ne und das Schwarz eher melan­cho­lisch. Auf dich­te Bild­flä­chen waren Gebil­de gesetzt, die an tech­no­ide oder kos­mi­sche Kör­per den­ken lie­ßen und eine fast sur­rea­le Stim­mung erzeug­ten. Seit eini­ger Zeit nun sucht die Male­rin ihren Weg »Von Blau zu Gelb«. Der Weg vom Was­ser zum Licht, dazwi­schen tau­chen auch Rot, Rosa, Grün auf als struk­tu­rier­te Farb­räu­me, bis­wei­len gepaart mit zeich­ne­ri­schen Ele­men­ten. Der Bild­raum bleibt immer offen nach allen Rich­tun­gen, Far­be zieht sich von oben nach unten, von links nach rechts, schwebt, schwingt, klingt, springt- über­la­gert sich gar auf ver­kleb­ten Flä­chen, die den Bil­dern fast etwas Reli­ef­haf­tes geben. All die Rät­sel die­ser Bil­der lösen auf kei­nen Fall deren Titel, auch wenn „Insel­mit­tag«, »Traum­was­ser«, »Femi­na« oder »Zie­hen­de Land­schaft« der Fan­ta­sie ein wenig auf­hel­fen. Irgend­wie hat man das Gefühl, Gun­der­manns Male­rei suche den Über­gang in eine neue Zeit­zo­ne. In eine Traum­zeit­zo­ne. Es steckt eine gro­ße Erwar­tung in die­sen Traum­zeit­zo­nen­bil­dern.
Anouk Meyer, ND Berlin, Januar 2008
»Bekannt oder unbekannt in Pankow«
Drei Künstlerinnen porträtierten Einwohner des Bezirks /​ Ausstellung in der Galerie Amalienpark

Mür­risch, wie man ihn aus vie­len Fil­men kennt, erscheint Hen­ry Hüb­chen. Melan­cho­lisch dage­gen, mit sei­nen cha­rak­te­ris­ti­schen Trä­nen­sä­cken, schaut Win­fried Glatz­eder ins Fer­ne, wäh­rend Chris­ta Wolf den Betrach­ter wie eine düs­te­re Kas­san­dra von unten fixiert…

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…Ellen Fuhr hat ihre Por­träts mit schnel­len Koh­le­stri­chen zu Papier gebracht und teil­wei­se im Ate­lier mit Tusche oder Acryl wei­ter­be­ar­bei­tet. Die Foto­gra­fin Rena­te Zeun hat Pro­mi­nen­te und Nicht-Pro­mi­nen­te in kla­ren, unge­heu­er aus­drucks­star­ken Schwarz-Weiß-Auf­nah­men ver­ewigt, wäh­rend die wohl kon­stru­ier­ten, in gedeck­ten Far­ben gehal­te­nen Bil­der der Male­rin Annet­te Gun­der­mann Ruhe und Sta­tik aus­strah­len. Man­che sind dabei gleich mehr­fach ver­tre­ten: Vize-Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se zum Bei­spiel, den Annet­te Gun­der­mann sit­zend vor blau­grau­em Hin­ter­grund mal­te. Einen freund­lich-neu­tra­len Gesichts­aus­druck stellt er zur Schau, eben­so wie auf dem Foto von Rena­te Zeun. Ellen Fuhr hat den Poli­ti­ker erns­ter, mit gerun­zel­ter Stirn gezeich­net. Fast dämo­nisch wirkt bei ihr der Grü­nen-Umwelt­mi­nis­ter Jür­gen Trit­tin, wie er mit blau­en Augen unter der hohen Stirn den Betrach­ter anstarrt, wäh­rend er bei Gun­der­mann, nur bis zur Bild­mit­te rei­chend, deut­lich klei­ner erscheint als in Wirk­lich­keit. Über­haupt nimmt auf ihren Bil­dern der Hin­ter­grund, immer rose, blau, grün­grau oder ocker, viel Platz ein; ihre Male­rei zieht ihre Kraft auch aus der aus­ge­wo­ge­nen Kom­po­si­ti­on zwi­schen Figur und Raum…
Michaela Gehricke, 25.1.2008
»Bekannt.Unbekannt« Pankower Portraits
Ellen Fuhr, Renate Zeun, Annette Gundermann in der Galerie Forum Amalienpark
rbb /​ Kulturradio, Gespräch am Nachmittag

»Es lebt sich gut nörd­lich von Sze­ne-Ber­lin. Pan­kow ist die Rück­sei­te der gro­ßen Ber­lin- Eupho­rie … alles geht ganz lang­sam hier«. Wor­te von Chris­toph Tan­nert im Kata­log zu einer Aus­stel­lung, die heu­te Abend in der Pan­kower Gale­rie Forum Ama­li­en­park eröff­net wird.

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In den gro­ßen Räu­men der Vil­la an der Brei­te Stra­ße 2a stel­len drei Künst­le­rin­nen Men­schen aus ihrem Bezirk vor. Jede hat auf ihre Wei­se bekann­te und unbe­kann­te Men­schen – Schrift­stel­ler, Poli­ti­ker, Schau­spie­ler, Musi­ker – in ihr Medi­um gerückt. Ellen Fuhr aufs Papier, Annet­te Gun­der­mann auf die Lein­wand, Rena­te Zeun vor die Kame­ra. Michae­la Geri­cke schau­te auf die Bil­der und sprach mit den Künst­le­rin­nen. Michae­la Gehri­cke: Der Kunst­för­de­rer Peter-Alexis Albrecht und sei­ne Frau begrü­ßen den Besu­cher im Flur der Gale­rie. Das ein Meter 60 mal eins 45 gro­ße Gemäl­de zeigt ein­drucks­voll den Pro­fes­sor in gel­bem Jackett, die Ellen­bo­gen lie­gen ruhig auf einem Stuhl, die Hän­de hat er gefal­tet. Sei­ne Frau Julia neben ihm sitzt – als sei sie auf dem Sprung – auf einer Stuhl­kan­te, die Hän­de hat sie zwi­schen die Knie gelegt. Lila Pul­li, rote Lip­pen, blon­des Haar, leicht ver­son­ne­ner Blick. Die Male­rin Annet­te Gun­der­mann hat für ihre Por­träts Acryl, Ol und Lein­wand gewählt und auf den meis­ten ihrer räum­lich gestal­te­ten Bil­der die Kör­per­spra­che der Model­le mit ein­be­zo­gen. In einem ande­ren Aus­stel­lungs­raum der groß­zü­gi­gen Gale­rie sehen wir Hen­ry Hüb­chen vor einer rosa Wand sit­zend. Annet­te Gun­der­mann wähl­te Farb­kom­po­si­tio­nen, die dem Gefühl für ihr Gegen­über ent­spre­chen. Die Bil­der hin­ter­las­sen einen nach­hal­ti­gen Ein­druck, denn sie schau­en den Besu­cher meis­tens direkt und ein­dring­lich an. Ein biss­chen Melan­cho­lie schwingt manch­mal mit. Annet­te Gun­der­mann: Es gab bei mir auch kei­nen Plan vor­her. Als ich dann mit denen zusam­men war, ent­wi­ckel­te sich eine far­bi­ge Idee; dass ich bei Hüb­chen dach­te, der muss für mich in Rosa gemalt wer­den, um das ein biss­chen zu iro­ni­sie­ren, wenn man ihn erlebt hat, als Iko­ne und Her­zens­bre­cher…
 
Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) zur Ausstellung:
»Die Fünf Sinne«, Galerie Forum Amalienpark, Berlin Juni 2005

Den sechs­ten Sinn muss der Gale­rie­be­su­cher mit­brin­gen. Für die ande­ren ist am Pan­kower Forum Ama­li­en­park in die­ser Som­mer­schau namens »Die fünf Sin­ne« gesorgt: Es geht, ums Sehen, Hören, Tas­ten, Rie­chen, Schmecken.Kunst kann mehr als nur den Augen­sinn bedie­nen.

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Ellen Fuhr hat vor ihrem Bild von Tier­au­gen – Fuchs, Eule, Gans, Schaf – einen Bot­tich vol­ler Wol­le gestellt, es riecht nach Schaf. Die Para­dies­vö­gel des Zeich­ners Horst Hus­sel zwit­schern laut­los bunt übers Papier. Hei­de­ma­rie Kas­anow­ski türm­te Blech­ge­fä­ße zu Skulp­tu­ren, instal­lier­te dar­in ein Was­ser­sys­tem aus Schläu­chen und Pum­pen. So sorgt sie für mono­to­ne Tropf- und Rie­sel­ge­räu­sche, man darf auch gern das Nass kos­ten. Es schmeckt nach nichts. Dafür glaubt man nächt­li­chen Groß­stadt­lärm zu hören ange­sichts, der Stra­ßen- und Knei­pen­sze­nen Kit­ty Kaha­nes. Und auch in Anke Feuch­ten­ber­gers Comic-Blät­tern toben die Las­ter der Nacht. Dem The­ma am nächs­ten kom­men die fünf groß­fi­gür­li­chen, farb­star­ken Paar­mo­ti­ve Annet­te Gun­der­manns. Die Male­rin nimmt direk­ten Bezug auf die Kunst­ge­schich­te – auf fünf Kup­fer­sti­che von Jan Saen­re­dam (1565 – 1607) zu den Sin­nen. In ihrer inten­si­ven Bild­fol­ge ist es jeweils die Frau, die alle Fün­fe, gut bei­sam­men hat – und den Mann an ihrer Sei­te sehen, hören, tas­ten, rie­chen, schme­cken lässt. Eine Oran­ge – oder ist es ein Apfel – wird, wie schon so oft in den mensch­li­chen Mythen, zum Indiz der Ver­füh­rung.
 
Astrid Volpert (ND) zur Ausstellung: »Bild und Skulptur«, Annette Gundermann, Peter Lewandowski
Galerie Pohl, Berlin Juni 2003

Ann­net­te Gun­der­mann sucht – in groß­for­ma­ti­gen Col­la­gen durch Reis­schleim ver­bun­de­ner far­bi­ger Papie­re – nach Berüh­rungs­punk­ten, Schnitt­stel­len und Über­la­ge­run­gen.

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Sie sind von der Künst­le­rin bewusst pro­vo­zier­te Sym­bio­sen des Zufalls, die den Betrach­ter anre­gen, über ein trag­fä­hi­ges Ver­hält­nis von Gewach­sen-dem und Ver­än­de­rung nach­zu­den­ken. »Traum­was­ser« und »Offe­ner Him­mel« laden zu die­sem Sehen eben­so ein wie die laby­rin­thi­schen Ver­net­zun­gen ihrer Öl-und Acryl­bil­der. »Rot trifft Blau« heißt eines die­ser Bil­der, die man sich merkt. Die Begeg­nung mit der in kräf­ti­gen Farb­tö­nen leuch­ten­den abs­trak­ten Land­schaft ermög­licht einen Drei­klang von Inne­hal­ten, Fin­dung und Los­las­sen. Kurz gesagt eine Augen­wei­de – aber nicht barock.
 
Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) zur Ausstellung: »Bild und Skulptur«, Annette Gundermann, Peter Lewandowski
Galerie Pohl, Berlin Juni 2003

Die Gale­rie Pohl in Pan­kow gibt vor allen Künst­lern ein Podi­um, die unbe­irrt in den klas­si­schen Gen­res arbei­ten. Die­sen Som­mer stel­len bei Pohl die Ber­li­ner Male­rin Annet­te Gun­der­mann und der bei Güs­trow leben­de Bild­hau­er Peter Lewan­dow­ski aus.

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Die Bil­der der 45-jäh­ri­gen Annet­te Gun­der­mann wir­ken durch die dunk­len Blau- und Rot­tö­ne und das Schwarz eher melan­cho­lisch. Auf dich­te Bild­flä­chen sind Gebil­de gesetzt, die an tech­no­ide oder kos­mi­sche Kör­per den­ken las­sen und eine fast surea­le Stim­mung erzeu­gen.