»Gestörte Ordnung«

[...] Annette Gundermann findet eine Bildsprache, vergleichbar mit einem Gedicht, das Innehalten, Verweilen, Versenken beansprucht. Verzicht auf das schnelle (Schein-)Erfassen und auf (Wieder-)-Erkennbarkeit von Figuren. Aber sie gibt ihren Bildern konkrete Titel. Das, sagt sie, sei ihr wichtig. Das Metier der Malerin ist die Farbe, dabei ist die Sprache der Worte ihre Begleiterin, die sie bestärkt und inspiriert und zu der sie dann bei der Suche nach einem Bildtitel selbst hinfindet. Er kann poetisch wie »Schattenland«, erzählend wie »Vor Tag« oder ganz prosaisch wie »Blau auf Schwarz« sein.

So wohnt ihren kontemplativen, oft tektonisch anmutenden Bildern, wo Farben, Transparenzen, Schichten, Nuancen und Gegensätze spielen, schweben, sich überlagern oder aneinander stoßen, immer auch das Nüchtern-Strenge, auch Sachliche inne. [...]

Anke Zeisler, Katalogtext zu »Gestörte Ordnung« Februar/März 2012

»Ursprüngliche Vielheitlichkeit«

Flügel in Blau, Verwehte Stadt, Verlassene Braut, Das Labyrinth, Rot zum Quadrat, Bedrohliche Stille, Losgelöst, Das Versteck – kein Zweifel, schon die Bildtitel der Werke von Annette Gundermann sind wie Kontaktstellen einer Lust- und Verlustbeherrschungsobsession, die in Farbe badet.
Nach verknoteten Handlungssträngen eines Dramas, das sich radikal-realistisch oder zeitgeistig neurotisch vorwärts, rückwärts und seitwärts über die Keilrahmen bewegt, sucht man hier vergebens. Statt rigider Abgrenzung zur Abstraktion herrscht bei Annette Gundermann das Sehvergnügen, das nur die Wirklichkeit der Malerei kennt und sich nicht schert um Trendversicherungen. Die Künstlerin entwickelt ihre Bilder im Zwischendurch, im Spiel mit den Potentialen malerischer Semantik, in dem sich Setzungen und Korrekturen permanent überlagern, mal gegenständlich, mal abstrakt, nie abbildgetreu, aber immer wahrhaftig.

Als sie die Dresdner Akademie verließ, malerisch herzhaft ermutigt von ihrem Lehrer Siegfried Klotz, dem großen figürlichen Schwelger, standen ihre »Frauen in Landschaften« als Hüterinnen eines Systems eindeutig fixierter Anschauungen, dessen Interpretation allein der Kultur oblag, in der sie zuerst formuliert wurden, der europäischen mit sächsisch-expressiver Wurzel. Doch die Perspektiven änderten sich in dem Maße, in dem die Künstlerin eine neue Anordnung ihrer sehr realen Erfahrungen entwickelte, ein Travelling durch innere Landschaften, ein sich unausgesetzt selbst Erneuern, bei dem es bis heute geblieben ist in einer sich ständig um neue Glieder erweiternden Kette aus Repetitionen und Feedbacks.

Das Ausscheren in eine rhythmisch geometrische Such- und Ordnungsbewegung beginnt etwa im Jahr 1993 mit collageartigen Papierklebungen in Nasstechnik mit Reisschleim. Annette Gundermann verwendet Papiere verschiedener Sorten und Stärken, Geschenkpapiere, Zettel, Buchseiten, alte Briefe, Kohlepapier, Millimemeterpapier, Ormigpapier. Ab 1994 beginnt die Künstlerin ihre Bilder auch mit Acryl zu überarbeiten. Mehr und mehr entwickeln sich die Dinge dann in Richtung einer freien Abstraktion bis es ab 2002 zu einer Rückkehr zur Arbeit mit Farbe auf Leinwand und 2003/2004 erneut zu einer Rückbesinnung auf figürliche Prinzipien kommt. Bei dieser Dualität der formalen Prinzipien ist es bis heute geblieben.

Nach traditionellem Verständnis bietet das Bild dem Betrachter einen Ausschnitt der Welt. Die Verfasstheit der Bilder von Annette Gundermann entspricht dieser Erwartungshaltung im wahrsten Sinne des Wortes: das Gerissene und Geschnittene ist und kreiert Welt, Bild-Welt, Farbkosmen, Sehereignisse, Tastempfindungen. Die ungegenständliche, unvorbildlich konkret seinsenthüllende Papieroperation ist die notwendige Weiterführung des reinen, selbstreferentiellen Bildes. Sie öffnet dem freien Sehen des Betrachters vor dem Werk die Dimension des räumlich motivierten Suchens und somit dem artistischen Herstellungserfolg aus Papieren eine immer größere, immer weniger durch die Künstlerin vorbestimmte Eigenständigkeit. Das trifft natürlich auch auf die kleinformatigen, farbglühenden Malereien auf Papier (nach 2003) zu, die in ihrem Hang zu Blau aus der Insel des Seins aufsteigen und unge ahnte Hoffnungsdimensionen erschließen.

Altmodischerweise geht es bei Annette Gundermann noch um den Bildraum, der eine durch Zeichengebung passierbar zu machende Zone ist, nicht um den Raum irgendeiner Institution, nicht um Räume jenseits ihrer physischen Gestalt, nicht um Kunst als »Sozialraum«, nicht um mediale Zu- sammenhänge, sondern schlicht und ergreifend um einen zum Sprechen zu bringenden Erwartungsraum. Das Zueinanderkomponieren der Papierfetzen, die als aus der Zeit gefischte Fragmente bisher isolierter Gegenwartspunkte in Erscheinung treten, ist Ausdruck des wachen wie wohltemperierten Hedonismus der Künstlerin, der nach Sinn und Sinnlichkeit sucht.

Als Counterposition zu Vilém Flussers »gefrorenen Gesten« (1),einer grundlegenden Definition für Malerei schlechthin, bewegt sich Annette Gundermann in offenem Terrain, von dem aus die Eroberung des Bildraumes in alle Richtungen hin möglich ist und bleibt. Dazu zählen nicht nur Farbabenteuer und Flächenverklebungen, sondern auch ihre bildnerisch forschenden Papierschichtungen, die den (Bild-)Raum
gliedern und poetisieren, so wie sie die Zeit als Traumzeit versiegeln. Annette Gundermanns Bilder klingen und schwingen. Sie tönen, weil sie Herzstellen sind und Echo einer Synchronisation von bildlichen Wahrnehmungen in Hörweite.

Christoph Tannert, Katalogtext zu »Von Blau zu Gelb«, Berlin, August 2006
(1) Vgl. Vilém Flusser, Gesten, Frankfurt/M. 1994

»Bekannt-Unbekannt«

Drei Künstlerinnen porträtieren ihren Stadtteil – die Malerinnen Ellen Fuhr und Annette Gundermann sowie die Fotografin Renate Zeun, Bilder und Fotografien von ca. 50 EinwohnerInnen des Berliner Doppelbezirks Pankow / Prenzlauer Berg. Zwei Jahre lang waren die Künstlerinnen unterwegs zwischen Senefelder Platz und Breite Straße und immer noch stehen so viele Namen von Personen auf ihrer Liste, die besucht und porträtiert werden wollen, dass die jetzige Ausstellung lediglich den Zwischenstand eines offenen, im Jahr 2006 begonnenen Projekts markiert. Unter den Porträtierten findensich z.B. ein Lehrling, Studentinnen, ein Fotolaborant, eine Arbeitslose, eine Rentnerin, ein Bühnenarbeiter, eine Buchhändlerin, ein Rahmenbauer, eine Mathematikerin, eine Apothekerin, eine Pastorin, eine Geigenbauerin, SchauspielerInnen, Künstler-Innen, SchriftstellerInnen, Juristen, Mediziner sowie ein Vizepräsident des Deutschen Bundestages, eine Bundesfamilienministerin a.D. und ein Bundesumweltminister a.D…
[...] Als die Künstlerinnen mit ihrer Porträtserie begannen, hatten sie all das verinnerlicht, aber ihr ästhetisches Interesse im jeweiligen Medium galt zuallererst dem Thema »Kopf«. Annette Gundermann legte zusätzlich Wert auf ein Gleichgewicht zwischen Figur und Raum. Bei Renate Zeun stehen Kopf-Studien gleichberechtigt neben spezifischen Betonungen von Figur oder Händen. Ellen Fuhr fasst den Moment des Zusammentreffens mit ihrem jeweiligen Gegenüber in kraftvollen, von innen bewegten Gesten. Im Vergleich der künstlerischen Medien zeigt sich deutlich, wie das, was Bild wird, auch immer Spielmaterial der Künstlerinnen ist. Was wir sehen, vervollständigt sich in der Phantasie und gegebenenfalls mit dem Vorwissen der Betrachter. Die Ausstellung ist insofern ein Modellbaukasten. Und was sich »wirklich« zwischen den Künstlerinnen und den Porträtierten abgespielt hat, lässt sich sowieso nicht auf Papier oder Leinwand bringen. Ellen Fuhrs Zeichnungen, mit schnellen Kohle-Strichen begonnen und häufig im Atelier mit Tusche und Acryl weiterentwickelt, versuchen, das Augenblickliche zu greifen und zu halten. Annette Gundermann findet mit Mitteln der Malerei eher ein verlängertes Zeitmaß für eine Respekt mit Wärme vereinende Bildsprache. Die Fotografien von Renate Zeun sind dagegen wie die zarten Intros von Balladen. Einige haben den Charakter von Auftaktstücken, die in Ruhestellung schwingen und sich erst in der Serie vollenden. So steht jede künstlerische Auffassung für sich, doch sie bedürfen einander, um dem Thema der Ausstellung in all seinen Facetten zu genügen.
Zu sehen sind schlussendlich nur jene Porträts, die auch den bildkünstlerischen Qualitätsstandards der Porträtistinnen genügen, unabhängig von Erfolg, Bekanntheitsgrad, Boulevardauftritt und politischer Bühne der Porträtierten. Auf einer subjektiven Auswahl von Namen basierend, begannen die Porträt-Sessions als offene Begegnungen ohne Zwang zum Ergebnis. Weitere Namensvorschläge, die während des meist mehrstündigen Porträtierens im Gespräch anklangen, wurden aufgenommen und erweiterten den Kreis des Bildpersonals. Die drei Künstlerinnen, die selbst im Kiez wohnen, besuchten ihre Klienten meist zusammen, entweder in deren Wohnungen oder empfingen sie bei sich zu Hause, einige Porträts wurden auch in der Galerie Forum Amalienpark angefertigt. Entstanden ist somit ein Bilderfächer aus gleichermaßen malerischen, zeichnerischen und fotografischen Orientierungen auf Gesichter en face, Bildnisse, Köpfe, z.T. als Momentaufnahmen zu interpretieren, z.T. als Porträterweiterungen. Diese bringen neben der körperlichen Ähnlichkeit im besten Fall auch Teile der Persönlichkeit der porträtierten Person zum Ausdruck…

Christoph Tannert, aus dem Katalogtext »Bekannt-Unbekannt, Pankower Portraits«,
Dezember 20075

Die Berlinerin Annette Gundermann erarbeitete ihr Diplom in Holzschnitten und Gemälden zum Thema »Zaubergarten« noch figürlich. Heute sucht sie im Bild ein komplexeres künstlerisches Gefüge als Analogie zur Wirklichkeit. Das kann gemalt, geklebt, gezeichnet, geätzt oder geschrieben sein. Seit 1994 formt sie großformatige abstrakte Papiercollagen »Variationen zum Thema Blau«. Darin werden verschiedene mit Tusche in Farbe gekleidete Papiere mit Hilfe von gekochtem Reis schleim neben-, gegen- und manchmal auch übereinander geklebt. Selten steckt im abstrakt gehaltenen Titel ein konkreter Hinweis auf den speziellen Anlass oder das Sujet. Sich über die Fläche ausbreitende geometrische Farbströme fließen ruhig oder schaffen durch Überlagerungen kleine reliefartige Inseln. An manchen Stellen schimmern ältere Untergründe durch, so dass die prozeßhafte Entwicklung des Themas für den Betrachter transparent wird. Er entdeckt Selbstbilder innerer Wirklichkeiten der Künstlerin, in strenge oder auch gelöstere Formen gebannte Gefühlszustände. Immer wieder behauptet sich dabei kräftig strahlendes Blau zwischen Grün und etwas Rot oder Schwarz....

Asrid Volpert, aus dem Katalogtext »Schnittpunkt Dresden – sechs Künstlerinnen aus Deutschland«,
Art Gallery Mills College Oakland/USA, November 1997