Schostakowitsch beschäftigt Annette Gundermann seit ihrer frühen Kindheit. Dass sich dabei eine Affinität zur Schwermütigkeit in der Musik entwickelte, zeigen ihre großformatigen Zeichnungen »Bedrohung«, die vor allem eine Verdichtung der Hörerfahrungen sind. »In meiner Zeichenserie versuche ich in die Transparenz des Bildraums zu tauchen, ohne konkrete Antworten zu suchen oder einen Erklärung zu finden.«, so die Künstlerin.
Landschaft existiert nicht als solche, sondern sie ist ein Konstrukt, das der Betrachter im Akt des Auswählens und Herauslösens aus der Totalität der Natur schafft. Darauf verwies bereits Georg Simmel in seiner »Philosophie der Landschaft«. Aus diesen Elementen baut Annette Gundermann neue Räume, die als Landschaften gelesen werden und Bedeutungen wie Gefahr, Ausblick oder Sehnsucht transportieren. Nach Guernica ist es, mit Brecht gesprochen, »unmöglich, die Schönheit eines Flugzeuges zu besingen«. Gundermann übersetzt in ihren Zeichnungen den subjektiv- lyrischen wie monumental-epischen Charakter von Schostakowitschs Musik mit großen expressiven Spannungsbögen und weitgespannten Linien, dramatisch gesetzten Übermalungen und Farbtönen unendlicher Trauer. Die Farbe Blau ist in dieser Schwermut vielbedeutend, weil sie nicht treibt, noch schlägt, sondern ohne Zuversicht gewaltlos umfängt

Dr .Simone Tippach-Schneider,
Rede zur Ausstellungseröffnung »Utopie und Katastrophe – Kunstansichten zu Schostakowitsch«,
Galerie Forum Amalienpark Berlin, 20. November 2015

»Spiel und Zufall« fasst Annette Gundermann ihre jüngsten Holzschnitte zusammen. Es handelt sich hierbei durchweg um farblich ausgewogene und malerisch betonte Drucke. Sechst bis neun Platten hat die Künstlerin dabei übereinander gedruckt. Die Künstlerin lotet konsequent die elementare und kräftige Bildwirkung der Holzschnitttechnik aus. Malerische Kompositionen und flächenhafte Strukturen gehen in den überdruckten Bögen eine ästhetische Symbiose ein. »In jeder Arbeit begegnen sich Zufall und strenge Ordnung,« so beschrieb die Malerin selbst frühere Arbeiten. Das Spiel mit der Technik stand auch bei den farbigen Holzschnitten im Vordergrund. Wie im Rausch hat sie geschnitten, gehobelt, geschliffen und geglättet, eingefärbt, gewalzt, gepresst, gerieben, gestrichen und wieder geschnitten. Das Spiel ist kein leichtes. »Es ist zu Ende, wenn Striche, Linien und Farbfelder ihren Platz im Bild gefunden haben«, so Annette Gundermann.
Bei aller lichten und transparenten Farbigkeit ist immer auch das wuchtige Schwarz mit im Spiel – spannungsvoll und klar, zugleich auch voller Geheimnisse. Damit wird Erzählerisches überflüssig. Der Reiz dieser farbigen Holzschnitte besteht in den spielerischen Anregungen, die sich frei aus einem intensiven Formen- und Farbenkanon speisen. Annette Gundermanns Holzschnitte sind moderne Musikstücke, die zu einem farbigem Lichtspiel wandeln.

Dr. Simone Tippach-Schneider, Rede zur Ausstellungseröffnung
»Von Hoch nach Tief«, Galerie Forum Amalienpark Berlin, 28. November 2014

Als ich zum ersten Mal das Atelier von Annette Gundermann betrat, war ich verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit sich hier figürliche und ungegenständliche Kunst mischen, zueinander gegeneinander stehen. Gleichwertig. Offenbar braucht sie ungeachtet der Kraft ihrer ungegenständlichen Kompositionen immer auch die Berührung mit dem Gegenstand, der konkreten Welt.

Die Bilder der Annette Gundermann anzuschauen gleicht dem intellektuellen und sinnlichen Abenteuer, das man auf einer guten Bühne erleben kann: Kulisse bildet Wirklichkeit nach, Spiel fängt gültiges Leben ein, Sprache gibt erlebter Erfahrung Ausdruck. Alles ist möglich, die Wirklichkeit ist das Wunder, das Wunder ist die Wirklichkeit. Das Leben braucht keine Inszenierung. Die Kunst schon.

In der Kunst dieser Berliner Malerin bedeutet dies: menschliche und künstlerische Erfahrungen münden ein in ein Erlebnis des Sehens, das dem Auge wohl tut und die Sinne beflügelt. Malerei und Collage gehen ineinander über bei den hier ausgestellten Bildern. »In jeder Arbeit begegnen sich Zufall und strenge Ordnung.« So beschreibt die Malerin selbst ihre Arbeiten. »Es ist ein Spiel. Dieses Spiel ist zu Ende, wenn Striche, Linien und Farbfelder ihren Platz im Bild gefunden haben.«

Annette Gundermann bleibt mit ihrer lichten transparenten Farbigkeit - auch wenn das wuchtige Schwarz oft im Spiel ist - spannungsvoll und klar, zugleich auch voller Geheimnisse. Sie gleicht einer Zauberin, durch deren Magie Licht, Bewegung, Zeit, Raum in einem festgehalten werden können. Und genau damit wird Erzählerisches überflüssig. Darin besteht vor allem der Reiz dieser Bilder. Eine empfangene Anregung - ob aus der Natur, der Literatur, der Musik - wird von ihr zu einem reinen Formen- und Farbenklang gefügt. Ja, ihre Bilder sind Musik, die zur Farbe geworden ist.

Ungeachtet der abstrakten Komposition der hier gezeigten Werke provoziert die Malerin Voraussetzungen für einen Dialog, dem sich der Betrachter schwerlich entziehen kann. Sie gibt ihren Bildern nämlich sehr konkrete Titel. Wer diesen nachgeht, nachfragt, auf sie zugeht, kann Einvernehmlichkeit, Zweifel, Verblüffung oder auch Widerspruch erleben. Denn Reibung bleibt nicht aus. Linie, Fläche, Farbe schaffen einen Raum, in dem Bildphantasien, Gedankenbilder, Bildgedanken ihren Ursprung nehmen. Die Titel sind nur eine Art Sprungbrett mitten hinein. Annette Gundermann geht es nicht um die Abbildung der Wirklichkeit, sondern um die Wirklichkeit des Bildes.

Dass die Farbe Blau wieder und wieder in ihren Arbeiten dominiert, ist augenfällig. Diese eine Farbe überwältigt alles. »Kann es zuviel Blau geben in der Welt - auf Bildern, in Beschreibungen, in der Natur?« Diese Frage stellte die Kunstwissenschaftlerin Gabriele Muschter eingangs in ihrer Eröffnungsrede zu einer Ausstellung von Annette Gundermann.

Die Farbe Blau gilt schon immer als himmlische Farbe, als Sehnsuchtsfarbe. Als Rainer Maria Rilke 1907 den Pariser Herbstsalon besuchte, stellte er sich vor, wie jemand die Geschichte der blauen Farbe in der Malerei schreiben würde. Annette Gundermann müsste mit Sicherheit darin ein Kapitel gewidmet sein.

Gisela Blank, Ausstellungseröffnung Galerie Ei, Berlin 11. 9.2013
Bärbel Dieckmann / Annette Gundermann

Kann es zuviel blau geben in der Welt – auf Bildern, in Beschreibungen, in der Natur?
Blau assoziiert vieles: Meer, Himmel, Tau auf den Dünen, Trauben im Regen, Flügel der Vögel, das Leuchten der Sterne. Auch der Mond scheint blau, wenn er manchmal mehrere Höfe um sich hat. Die Bilder von Annette Gundermann sind voller Poesie. Es ist diese Art von Werken, die lebendig und schattenlos klar sind. Die Farbklänge haben ästhetischen Reiz, sie sind schön im Sinne ihrer Idee, ihres Natur – Raum – Verhältnisses. Sie sind nicht gefällig. Es strahlt aus ihnen eine herbe Kraft, die sich konsequent aus der Fläche in den Raum zu bewegen scheint.

Annette Gundermann (Jg. 57) gehört zu den interessantesten Künstlerinnen der mittleren Generation. Ihre Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit geht souverän an den Launen des Kunstmarktes vorbei – aber auf den kommt es schließlich auch nicht an, jedenfalls nicht jenseits der modischen Trends und dem Chorgejubel einiger Geschäftemacher, auf die der bravunsichere, oberflächlich-ehrgeizige Konsument immer wieder reinfällt.

Nach Abitur und Beschäftigung mit Textildesign hat sie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert – bei den Professoren Horlbeck und Klotz. Seit 1989 arbeitet sie freischaffend in Berlin. Annette Gundermann arbeitet mit verschieden strukturierten Papieren, überklebt, übermalt – so lange bis das Ergebnis stimmt. Hauptsächlich verwendet sie Nasstechnik und Reisschleim. Aber das Repertoire ist weit angelegt: Pigmente, Acryl, Öl, Kreide, Tusche, Knochenleim und andere Materialien. Aus der Art des Umgangs mit Material, mit Fundstücken entstehen aber keine Collagen im üblichen Sinn – alles geht ineinander über. Das Fließen ist ein Zeichen für die Lebendigkeit solcher Kunst.

Die Erklärung der Welt findet hier nicht statt, vielmehr werden Möglichkeiten aufgezeigt. Dabei geht es bewusst nicht um Befremdung, um den Schock oder das angesagte Cool-Sein innerhalb der Gesellschaft. Gezeigt wird der Strukturzusammenhang, das Schwingen, die Vision, das Geheimnis, das so nur die Künstlerin selbst kennt.

Aus manchen der Gemälde lassen sich wellenartige Bewegungen ablesen, die dann wieder in intensivem Rückfluss zerbersten, um mit neuer Intensität an die Ufer zu schlagen. Das sichere Ufer - was ist das, wo ist das, welche Farbe hat es? Wo ein Ufer ist, da ist auch Wasser – eine ewig währende Faszination, nicht nur für Kunst und Künstler. Im Werk von Annette Gundermann spielt das eine besondere Rolle und so wundert es nicht, dass sie eines ihrer Bilder Traumwasser nennt und der Dichterin Hilde Domin ge widmet hat. Diese schrieb ein kurzes Gedicht. Darin heißt es:

Traumwasser
voll ertrunkener Tage.
Traumwasser
steigt in den Straßen.
Traumwasser
schwemmt mich hinweg.

Die wenigen Zeilen kann man auch als Charakteristik der Ambivalenz des Werkes von Annette Gundermann verstehen: Kunst ohne Wiederholung unwichtiger Neuig-keiten. Der Künstlerin geht es um den Zusammenhang von inneren und äußeren Begebenheiten. Hier kann sie die Zwischenräume ausloten. Alles ist offen, durch nichts eingeengt. Die Bilder entstehen durch inneren Antrieb und aus der Notwendigkeit zu fragen: Titel sind der Künstlerin wichtig, Sie lauten beispielsweise: Indischer Falter, Das Gespräch, Nächtliche Orientierung. Die Blautöne auf den Gemälden scheinen unendlich variierbar, kräftig und zart, in sich geschlossen und transparent. So wohl nur bei Matisse oder Yves Klein zu finden. Es ist das Leuchten. Es ist immer das Leuchten, welches das Eigenleben der Bilder signalisiert und dieses Leuchten kann man nicht simulieren. Es kommt von ganz innen und entwickelt sich zum Dialog der Farben und Formen jenseits der Sprache. Die Bilder bleiben nicht stumm, sie haben etwas zu sagen. Man kann mit Ihnen kommunizieren.

Bisher war nur von den blauen, abstrahierten Werken die Rede. Natürlich gibt es andere, zum Beispiel die, auf denen die Farbe Gelb vorherrschend ist. Für gelb fallen mir Metaphern ein wie: Sonne, Wärme, Vulkan, Sandsturm in der Wüste, das Mär-chen am Ende hinter der Straße. Es ist ein Reichtum, der aus all diesen Arbeiten spricht, ein Reichtum wie eine Quelle, aus der immer wieder Neues , Anderes entspringt – sowohl auf die Farben der Bilder bezogen als auf die Art der Gestaltung zwischen abstrakt und figürlich. Ich höre immer: Die jungen Leute mögen diese Art Kunst-Kunst nicht, nicht die Harmonie und nicht die Art der Ästhetik. Sie schaffen bewusst Werke einer Art Anti-Ästhtetik. Das ist ihr gutes Recht und neu sowieso nicht. Jede Generation muß versuchen eigene Wege zu finden, sich gegenüber den Älteren zu behaupten, sich eine eigene Sicht auf die Welt zu erarbeiten. Das schließt nicht aus, sich Achtung gegenüber den Werken der früher Geborenen zu bewahren.

Wie sagt doch der jüngst verstorbene französische Philosoph Jean Baudrillard?
Wollte man den gegenwärtigen Stand der Dinge benennen, so würde ich sagen, wir befinden uns nach der Orgie. Die Orgie ist der explosive Augenblick der Moderne…
Wir sind alle Wege der Produktion und virtuellen Überproduktion der Objekte, der Zeichen, Botschaften, Ideologien und Vergnügungen gegangen. Das Spiel ist gespielt, und wir stehen gemeinsam vor der entscheidenden Frage: Was tun nach der Orgie? Und er sagt weiter: Wir leben in einer grenzenlosen Vervielfältigung von Idealen, Phantasmen, Bildern und Träumen, die von nun an hinter uns liegen und die wir dennoch in einer gewissen schicksalhaften Gleichgültigkeit weiterproduzieren müssen.

Annette Gundermanns Werk hat nichts mit Orgie und nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, eher mit Fest, Feierlichkeit, die aus unergründlichen Tiefen kommen. Sie tritt den Gegenbeweis an, nämlich den, sich an das Leben zu verlieren, Träume nicht aufzugeben, das Kräfteverhältnis zwischen gut und böse, schön und hässlich stetig zu ver ändern.

Gabriele Muschter, Rede zur Ausstellungseröffnung
»Von Blau zu Gelb«, Galerie Forum Amalienpark Berlin, März 2007

[...] Annette Gundermann nimmt direkt Bezug auf die Kunstgeschichte und auf Jan Saenredam (1565–1607), der mit seiner fünfteiligen Kupferstichfolge nach Hendrik Goltzius (1558–1617) folgenden klassischen Spruchweisheiten illustratorischen Bestand gegeben hat: (Und während ich Ihnen diese zu Gehör bringe, wollen Sie sich bitte mit den Augen auf die lindgrün unterlegten monumentalen Paar-Darstellungen konzentrieren, die unter besonderer kompositorischer Betonung weiblicher Stärke und Entschiedenheit angelegt wurden und den dazugehörigen männlichen Figuren, seitlich und hintan gesetzt, eine lebensausfüllende Stellung in größtem Glücke als Flötist, Streichler, Spiegelhalter und Rosenkavalier zu garantieren scheinen).
Unzweifelhaft sind es die Bilder der Gundermann, die der Ausstellung ein Format geben, das hernach durch weitere Tatmotive, insbesondere bei Anke Feuchtenbe ger, aber auch bei Kitty Kahane mitgestaltet wird. Es ist das Format des Weiblichen, das sich mit großer, expressiver Geste und kleinen Infamien, in Träumen und Traumata, emotionalen Schweinereien, klassischem Geschlechterzwist, kurz: in einer schicksalhaften, malerisch und grafisch ins Bild gesetzten Tischgesellschaft, die gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt und ertastet werden, [...]

Christopph Tannert, Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
»Die fünf Sinne«, Galerie Forum Amalienpark, 2005

Musik ist eine ständige Inspirationsquelle Annette Gundermanns. Mit dieser hat ihre Malerei mehr als Metaphorisches gemein. Vergleichbar musikalischen Kompositionsverfahren, widmet sich Annette Gundermann ganz der immanenten Konstruktion des künstlerischen Materials, der Organisation von Form- und Farbverläufen, Zuordnungen, Abmessungen und Entwicklungen. Ihre Arbeiten bilden die äußere Welt nicht ab, sie werden gespeist durch die malerische Auflösung der differenzierten Vielfalt des Gesehenen. In der Reduktion auf einfache Formen, findet die Vision vom Wesentlichen der Dinge ihren künstlerischen Ausdruck. So entstehen, durch die Konzentration auf die autonome Ausdruckskraft bildnerischer Mittel, Bilder der Innerlichkeit, Klänge erdhafter Melancholie sowie Resonanzräume in denen Transzendentes, ein fernes Gegenüber der inneren Bewegung, in sinnlich leuchtenden Chiffren widerklingt [...]

Claudia Rodegast, Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
»Von Gelb zu Blau«, Galerie Herschel, 2004

Seit zwei Jahren arbeitet Annette Gundermann in einer Weise, die Malerei durch Farbbehandlung im klassischen sowie im wörtlichen Sinn ausschließt. Dem Fluss des Malens ist die Strenge collageartiger Präzision gefolgt. Das faszinierende Moment ist die Eindringlichkeit der komponierten Farben, welche sich als virtuelle Atmosphäre mitteilen. Augenfällig ist die abstrakte Form. Sie variiert das Bildgeschehen. Suggestive Gebilde entstehen, die Formkonkretheit und subjektive Phantasie gleichsam integrieren. Meist vom Bildzentrum aus scheint sich ein imaginärer Raum zu öffnen. Hinter- und Vordergrund heben einander auf, durchdringen sich und das Kolorit leuchtet im Widerpart von Hell und Dunkel. Sich auf die Wirkungsmöglichkeiten einer Farbe zu konzentrieren, macht deutlich, wie unerschöpflich deren Modulation mittels geometrischer Formen ist. Der schwerlastige Duktus der Farbigkeit ist gewandelt zu einer Transparenz, die aus dem Format heraus zu schweben scheint....

Dr. Petra Lange, Auszug aus aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
»Über Papier«, Galerie am Weißen See Berlin, August 1995